Tolerante Erziehung wird gemeinhin als eine Art Erziehung ohne Disziplin wahrgenommen. Schadet sie Kindern? Droht sie, den Untergang der Gesellschaft einzuleiten?

Studien legen nahe, dass tolerante Erziehung nicht der optimale Ansatz ist. Doch so sehr wir uns auch über Eltern aufregen, die es zulassen, dass ihre Kinder das Leben anderer beeinträchtigen, ist unklar, ob alle, die als “ permissiv“ bezeichnet werden, ihren Kindern – oder ihren Mitmenschen – einen Schaden zufügen.

Wie du dir denken kannst, hängt es davon ab, wie du “ permissiv“ definierst. Wenn du warmherzig und emotional auf deine Kinder eingehst, bist du nicht “ permissiv“ und schon gar kein schlechter Elternteil. Ganz im Gegenteil: Studien belegen, dass einfühlsame, aufmerksame Elternschaft mit sicheren Bindungsbeziehungen und weniger Verhaltensproblemen verbunden ist.

Die offizielle, psychologische Definition von Permissivität bezieht sich auf die elterliche Kontrolle. Sind permissive Eltern zu lasch? Welche Kriterien müssen Eltern erfüllen, um als „permissiv“ eingestuft zu werden?

Es folgt ein Überblick über den toleranten Erziehungsstil: Wie Forscher sie definieren, wie Forscher sie untersuchen und was Studien wirklich über die Folgen eines nachgiebigen Erziehungsstils aussagen. Nachstehend erkläre ich, dass wir uns davor hüten sollten, alle Formen der toleranten Erziehung über einen Kamm zu scheren. Es ist durchaus möglich, dass einige Formen der toleranten Erziehung keinen erheblichen Schaden anrichten und den Kindern sogar von großem Nutzen sind.

Permissive Erziehung – Definition

Tolerante Erziehung, manchmal auch „nachsichtige Erziehung“ genannt, ist ein Erziehungsstil, der sich durch zwei wesentliche Merkmale auszeichnet:

  • fürsorglich und warmherzig zu sein (was gut für Kinder ist) und
  • keine festen Grenzen zu setzen (was problematisch ist).

Diese Definition geht auf die Arbeit von Diana Baumrind, Eleanor Maccoby und John Martin zurück, die ein System entwickelt haben, mit dem Eltern nach ihrer Art, das Verhalten ihrer Kinder zu beeinflussen, klassifiziert werden können. Diesen Forschern zufolge

  • fordern autoritäre Eltern eine Art vollkommenen, bedingungslosen Gehorsam;
  • autoritative Eltern verlangen von ihren Kindern ein reifes, verantwortungsbewusstes Verhalten, fördern aber auch Diskussionen in der Familie und kritisches Denken; und
  • tolerante Eltern – auch „nachsichtige“ Eltern genannt – lehnen den Gedanken ab, ihre Kinder zu kontrollieren.

Baumrind stellt fest, dass tolerante Eltern einige Gemeinsamkeiten mit autoritativen Eltern haben. Beide Elterntypen zeigen ein hohes Maß an Zuneigung zu ihren Kindern. Sie sind emotional unterstützend und gehen auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Kinder ein – und das ist auch gut so. Beide Elterntypen beraten ihre Kinder bei wichtigen Entscheidungen, was ebenfalls gut ist.

Doch im Gegensatz zu autoritativen Eltern sind permissive Eltern nicht fordernd. Sie übertragen ihren Kindern nicht viel Verantwortung und fordern sie nicht auf, die von den Erwachsenen auferlegten Verhaltensnormen zu erfüllen. Stattdessen erlauben sie den Kindern – so weit möglich -, sich selbst zu steuern.

Permissive Eltern stellen sich nicht als Autoritätspersonen oder Vorbilder dar. Sie setzen möglicherweise Vernunft oder „Manipulation“ ein, um zu erreichen, was sie wollen. Doch sie vermeiden es, offen Macht auszuüben. Psychologen beschreiben diese Eigenschaften oft mit den Worten, dass tolerante Eltern eine „hohe Sensibilität“ und eine „geringe Anspruchshaltung“ haben.

Ein vierter Erziehungsstil – die „unbeteiligte“ Erziehung – ähnelt der permissiven Erziehung insofern, dass die Eltern keine strengen Regeln oder Verhaltensnormen durchsetzen. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Permissive Eltern sind warmherzig und fürsorglich. Unbeteiligte Eltern sind distanziert und emotional abwesend.

Permissive Erziehung – Folgen

Ist der Erziehungsstil von Bedeutung? Forschungsergebnisse deuten klar darauf hin. Auf jeden Fall haben Untersuchungen deutliche Zusammenhänge zwischen bestimmten Erziehungsstilen und der Entwicklung von Kindern nachgewiesen.

So geht es Kindern von toleranten Eltern beispielsweise besser als Kindern, deren Eltern sich nicht beteiligen. Außerdem haben Kinder, die von permissiven Eltern erzogen werden, ein höheres Selbstwertgefühl und sind möglicherweise einfallsreicher als Kinder, die von unbeteiligten oder autoritären Eltern erzogen werden.

Es gibt auch viele Untersuchungen, die belegen, dass „verwöhnte“ Kinder weniger Selbstdisziplin und Verantwortungsbewusstsein zeigen als Kinder aus autoritativen Familien.

Jessica Piotrowski und ihre Kolleg/innen untersuchten eine landesweit repräsentative Stichprobe von mehr als 1000 amerikanischen jungen Kindern (im Alter von 2 bis 8 Jahren) auf Probleme bei der Selbstkontrolle, d. h. auf das Bündel von Fähigkeiten, die es Kindern ermöglichen, ihre Impulse zu kontrollieren, sich zu konzentrieren, ihre Stimmungen zu steuern und Vorhaben umzusetzen.

Welche – demografischen oder sozialen – Variablen standen am stärksten mit der Selbstkontrolle in Verbindung? Der bei weitem wichtigste Einflussfaktor war eine tolerante Erziehung, d.h. ein Elternteil, der Aussagen zustimmt wie,

„Ich ignoriere das schlechte Verhalten meines Kindes“

und

„Ich gebe nach, wenn mein Kind wegen irgendetwas einen Aufstand macht“.

Solche Zusammenhänge sind zwar kein Beweis für eine Ursache, doch die Ergebnisse stimmen mit anderen Untersuchungen überein:

  • In manchen Zusammenhängen wird eine permissive Erziehung mit einem höheren Maß an Aggression in Verbindung gebracht. In Studien mit 8-Jährigen hatten Mädchen mit einem hohen Maß an negativen Gefühlen das größte Risiko für aggressives Verhalten, wenn ihre Väter permissiv waren. Und der Trend in allen Studien ist, dass Kinder mit toleranten Eltern im Vergleich zu Kindern mit autoritativen Eltern ein höheres Maß an „externalisierenden“ Störungen (wie Aggression und störendes Verhalten) aufweisen.
  • Im Vergleich zur autoritativen Erziehung wurde die permissive Erziehung auch mit einem höheren BMI in der Kindheit und geringeren schulischen Leistungen in Verbindung gebracht, obwohl dieser Effekt wohl eher gering ist.
  • In anderen Studien wurde ein Zusammenhang zwischen permissivem Verhalten und erhöhtem Alkoholkonsum Jugendlicher sowie erhöhtem Fehlverhalten in der Schule festgestellt.
  • Studien legen nahe, dass Kinder aus toleranten Elternhäusern mehr Zeit vorm Fernseher verbrachten. So ergab eine britische Studie mit 10- und 11-Jährigen, dass Kinder mit permissiven Eltern mit fünfmal höherer Wahrscheinlichkeit mehr als vier Stunden am Tag fernsehen. Und in Neuseeland berichteten Forscher/innen, dass 2-Jährige mit permissiven Müttern mehr Zeit vor dem Fernseher verbrachten als Kinder mit autoritativen Müttern.

Es gibt auch Hinweise dafür, dass permissives Verhalten mit Schlafproblemen zusammenhängt. In einer kürzlich erschienenen Auswertung der Literatur über Schlafprobleme bei Kindern wurde festgestellt, dass sowohl Kleinkinder als auch junge Schulkinder eher unter Schlafproblemen leiden, wenn sie “ lockere oder permissive“ Eltern haben. Woran liegts? Es ist bekannt, dass ein routinemäßiges Schlafengehen Kindern hilft, ein gesundes Schlafverhalten zu entwickeln. Wir wissen auch, dass Kinder ein höheres Risiko für Schlafprobleme haben, wenn sie vor dem Schlafengehen auf Bildschirme schauen. Es ist also nicht verwunderlich, dass ein Mangel an Kontrolle und Aufsicht Kinder zu schlechten Schlafgewohnheiten verleitet.

Es gibt also Zusammenhänge. Doch es gibt auch Ausnahmen.

Zum Beispiel ist es nicht klar, dass tolerante Erziehung gegenüber autoritativer Erziehung immer unterlegen ist. Mehrere Studien, die in Spanien und Lateinamerika durchgeführt wurden, haben keine Unterschiede zwischen Jugendlichen festgestellt, die von permissiven oder autoritativen Eltern erzogen wurden.

Andererseits ist eine tolerante, nachsichtige Erziehung nicht unbedingt mit einer guten emotionalen Gesundheit verbunden. Eine Studie unter Palästinensern fand heraus, dass Jungen mit permissiven Eltern eher unter geringem Selbstwertgefühl, Ängsten und Depressionen litten. Eine Studie, in der amerikanische Kinder über 10 Jahre lang beobachtet wurden, ergab, dass einige Kinder – verhaltensauffällige Kindergartenkinder – eher Ängste und Depressionen entwickelten, wenn sie von toleranten Eltern erzogen wurden.

Warum kommen verschiedene Studien zu widersprüchlichen Erkenntnissen? Es kann sein, dass die Erziehungsstile je nach kultureller Prägung unterschiedliche Auswirkungen haben. Es ist aber wahrscheinlich auch eine Frage der Vorgehensweise. Die meisten Forscher/innen berufen sich zwar auf Baumrinds Definition toleranter Erziehung, aber es gibt viele Möglichkeiten, Toleranz zu messen. Und wie ich an anderer Stelle erkläre, können verschiedene Messungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen. Wie messen Forscher also die tolerante Erziehung? Und was ist der zuverlässigste und nützlichste Ansatz?

Bist du ein permissiver Elternteil?

Es ist leicht zu sagen, dass eine tolerante Erziehung nicht „fordernd“ ist. Doch was bedeutet das wirklich? „Fordernd“ ist ein subjektiver Begriff. Er ist vage. Deshalb brauchen Forscher/innen eine Reihe objektiver Kriterien, um den Erziehungsstil eines Elternteils zu bestimmen. Oft werden dafür Fragebögen verwendet. Die Teilnehmer werden gebeten, auf einer Skala von 1 bis 4 anzugeben, wie sehr sie einer Reihe von Aussagen zustimmen oder sie ablehnen, z. B.

  • „Ich ignoriere das schlechte Verhalten meines Kindes“
  • „Ich gebe meinem Kind nach, wenn es wegen etwas einen Aufstand macht“
  • „Ich besteche mein Kind mit Belohnungen, damit es nachgibt und gehorcht“.

Die Antworten werden zusammengerechnet. Wer eine bestimmte Punktzahl erreicht, wird als „permissiv“ eingestuft.

Das ist ziemlich einfach, doch es gibt einen Haken: Forscherinnen und Forscher verwenden nicht immer dieselben Fragestellungen, und der genaue Wortlaut der Fragen kann sich erheblich unterscheiden, was wiederum große Auswirkungen auf die Antworten haben kann.

Nehmen wir zum Beispiel die spanische Forschung – die Studien, die zeigen, dass Kinder mit “ toleranten“ Eltern erfolgreicher sind. Diese Studien haben sich auf Untersuchungsverfahren gestützt, die in englischsprachigen Ländern normalerweise nicht verwendet werden, und das macht einen großen Unterschied. In den spanischen Studien werden Eltern als „tolerant“ (und nicht autoritativ) eingestuft, wenn sie nicht sehr autoritär oder herrisch sind. Um zu verstehen, was ich meine, betrachte diese Aussage:

„Meine Eltern geben mir bestimmte Aufgaben und lassen mich nichts anderes tun, bis sie erledigt sind.“

Wenn ein Jugendlicher dieser Aussage nicht zustimmt, ist das (in den spanischen Studien) ein Grund, seine Eltern als tolerant einzustufen. Es geht hier aber um etwas anderes als um das Ignorieren von schlechtem Verhalten oder das „Nachgeben“ gegenüber einem Kind, das Unruhe stiftet. Es geht darum, wie dominant ein Elternteil ist.

Wenn du deinem Teenager die Möglichkeit gibst, seine Aufgaben selbst zu bestimmen, bist du dann nicht mehr „autoritativ“? Ich glaube, dass dies nicht zutrifft – jedenfalls nicht, wenn man die Testfragen verwendet, die in englischsprachigen Ländern eingesetzt wurden.

Alfonso Osorio und Marta Gonzalez-Camara haben diese Methoden vor kurzem direkt miteinander verglichen: Sie testeten dieselben Teenager mit beiden Tests. Die Ergebnisse? Kinder, deren Eltern als “ tolerant“ eingestuft wurden (unter Verwendung von Testaufgaben aus spanischen Untersuchungen), wurden als „autoritativ“ eingestuft ( bei Verwendung von Testaufgaben aus den meisten englischsprachigen Untersuchungen).

Durch die Verwendung unterschiedlicher Tests definieren die Forscher/innen die “ tolerante Erziehung“ also sehr unterschiedlich. Ist eine Definition besser als die andere? Nicht wirklich. Es spielt keine Rolle, wie wir Menschen benennen – nicht, solange wir die Definitionen anderer verstehen.

Ich denke, die wichtigste Schlussfolgerung aus allen Studien ist, dass das „Ignorieren von schlechtem Verhalten“ in der Regel mit ungünstigen Folgen für das Kind verbunden ist. Im Gegensatz dazu ist es auch nicht besser für Kinder, wenn Eltern sie stark kontrollieren oder herumkommandieren, z. B. indem sie darauf bestehen, dass ein Teenager alle Aufgaben in einer bestimmten Reihenfolge erledigt. Das ist wahrscheinlich sogar kontraproduktiv.

Und es ist bemerkenswert: Selbst eine Aussage wie „Ich ignoriere das schlechte Verhalten meines Kindes“ ist vage und subjektiv. Von welcher Art des schlechten Benehmens reden wir hier? Schlagen und Beißen? Deine Socken auf dem Boden liegen lassen? Ein altes Spielzeug zerlegen? Sich über geschlechtliche Klischees hinwegsetzen?

Zur Verteidigung der toleranten Erziehung

Beim Lesen von Baumrinds ursprünglichem Konzept aus den 1960er Jahren überrascht es mich, wie bescheiden die permissiven Eltern klingen. Das ist ironisch, denn ihr Ziel war es, die Behauptungen der toleranten Ideologen zu widerlegen, und ihre Argumente sind überzeugend.

Dennoch klingen Baumrinds tolerante Eltern nicht wie Menschen, die ihre Kinder regelmäßig mit unsozialem Verhalten davonkommen lassen – jedenfalls nicht mit Verhaltensweisen, die verwerflich sind, wie vorsätzliche Unhöflichkeit oder die Missachtung der Rechte und Gefühle anderer Menschen.

Vielmehr klingen Baumrinds permissive Eltern eher wie radikale Demokraten. Menschen, die glauben, dass Eltern und Kinder die gleiche Macht besitzen sollten.

Ist diese Gleichstellung der autoritativen Erziehung wirklich unterlegen? Ich frage mich, ob die Beweise gegen eine tolerante Erziehung in Wirklichkeit nicht vor allem Beweise gegen eine relativ extreme, „alles ist erlaubt“-Variante der Permissivität sind.

Stell dir zum Beispiel eine Familie vor, in der von den Kindern erwartet wird, dass sie höflich und hilfsbereit sind, aber in anderen Sachen viel Freiraum haben, z. B. in Bezug auf die Sauberkeit ihrer Zimmer, die Art der Snacks, die sie essen, oder die Schlafenszeiten. Für kontrollierende Eltern mögen diese Haushalte sehr permissiv erscheinen. Doch den Kindern wird nicht freie Hand gelassen. Ihnen wird nur in bestimmten Bereichen Autonomie gewährt. Sind die Kinder dadurch schlechter dran?

Möglicherweise, wenn die Kinder ständig schlechte Entscheidungen treffen. Sie könnten zum Beispiel zu viele nährstoffarme, kalorienreiche Süßigkeiten essen. Oder sie bleiben nachts zu lange auf. Treffen die Kinder jedoch überwiegend verantwortungsbewusste Entscheidungen, müssen sie für ihre sporadischen Fehltritte keine oder nur geringe Kosten tragen und haben wichtige Lektionen über Selbstdisziplin gelernt.

Außerdem scheint es wahrscheinlich, dass bestimmte Arten von Permissivität Kindern einen deutlichen Vorteil verschaffen.

Eine internationale Studie von Fernando Garcia und seinen Kolleg/innen legt dies nahe. Die Jugendlichen, deren Eltern Strafen und Schimpfen als Disziplinarmaßnahmen ablehnten, waren am ausgeglichensten und vertraten am häufigsten soziale Grundsätze. Kinder entwickeln sich wahrscheinlicher zu innovativen, kreativen und kritischen Denkern, wenn wir sie experimentieren und basteln lassen. Wenn du eine/n Wissenschaftler/in großziehen willst, lass dein Kind ungewöhnliche Fragen stellen, sich dreckig machen und Dinge auseinandernehmen.

Bevor wir also die tolerante Erziehung anprangern, sollten wir uns fragen: „Was bedeutet tolerant?“ Wenn Kinder älter werden, benötigen sie immer mehr Autonomie. Wenn wir das ignorieren, können wir ihre Entwicklung hemmen und sie dazu zwingen, unsere Autorität als unrechtmäßig anzusehen.

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/k9OqVfJRWlI

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