Spüren Babys Stress bei ihren Bezugspersonen? Ja, das tun sie. Und Babys spüren nicht nur unsere Anspannung. Sie werden dadurch auch negativ beeinflusst. Das ist ein zusätzlicher Grund um gut auf dein eigenes Wohlbefinden zu achten und dich zu beruhigen, bevor du mit deinem Kind in Kontakt trittst.

Was ist empathischer Stress

Schon das Beobachten der Probleme anderer kann deinen Cortisolspiegel erhöhen.

Du hast es wahrscheinlich schon erlebt: Du wirst unruhig, weil jemand anderes gestresst ist.

Ist das eine oberflächliche Reaktion? Wohl kaum. In einer Reihe von Experimenten mit Erwachsenen entdeckten Veronika Engert und ihre Kolleg/innen, dass sie eine umfassende körperliche Stressreaktion auslösen konnten, indem sie die Teilnehmer/innen lediglich dazu aufforderten, jemanden dabei zu beobachten, der gestresst war.
Mehr als 200 Freiwillige nahmen an diesem Forschungsprojekt teil. Sie saßen abwechselnd in einem Zuschauerraum und sahen durch einen Einwegspiegel zu, wie ihre Lebensgefährten eine einigermaßen stressige Situation erlebten – sie wurden vor einer Jury auf ihre Rechenfähigkeiten getestet.

Für 40 % der Studienteilnehmenden reichte es aus, ihren Partner oder ihre Partnerin unter diesem Druck zu sehen, damit ihr eigener Spiegel des Stresshormons Cortisol anstieg. Etwa 10 % der Teilnehmer/innen reagierten sogar dann, wenn es sich bei der Versuchsperson um eine völlig fremde Person handelte.

„Die Tatsache, dass wir diesen empathischen Stress tatsächlich in Form einer deutlichen Hormonausschüttung messen konnten, war erstaunlich“, sagt Engert, „insbesondere wenn man bedenkt, wie schwierig es sein kann, Stress in einer Laborumgebung auszulösen. Wenn Personen in einer simulierten Situation, in der relativ wenig auf dem Spiel steht, so reagieren, wie mögen sie dann in der realen Welt reagieren?“

In einer weiteren Studie fanden Engert und ihre Kolleg/innen Anhaltspunkte, die zur Beantwortung dieser Frage beitragen. Diesmal haben sie nicht nur Cortisolproben im Labor untersucht. Sie sammelten auch Stichproben, wenn die Teilnehmer/innen zu Hause waren. Und es gab einen klaren Zusammenhang: Die Personen, die im Labor den meisten “ empathischen Stress“ erlebten, waren die gleichen, die zu Hause eine hohe Synchronisation ihres Cortisolspiegels mit dem ihrer Partner/innen aufwiesen.

Wie wirkt empathischer Stress bei Babys?

Wie früh im Leben könnten Kinder diesen „Stress aus zweiter Hand“ erleben?

Bislang hat noch niemand diesen Test an Babys durchgeführt. Sara Waters und ihre Kolleg/innen haben sich dem Thema aber angenähert. Statt den Cortisolspiegel zu messen, überwachten sie einen anderen körperlichen Hinweis: die Veränderungen der Herzfrequenz, die mit der Stressreaktion einhergehen.

Die Forscher/innen statteten 69 Babys (im Alter von 12-14 Monaten) und ihre Mütter mit Sensoren für das Herz-Kreislauf-System aus. Dann wurden die Familien kurzzeitig getrennt, und die Mütter wurden nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen eingeteilt:

  • Die Gruppe ohne Stress. Die Mütter dieser Gruppe wurde eine kurze, nicht stressige Aufgabe zugeteilt.
  • Die Gruppe mit wenig Stress. Die Mütter dieser Gruppe hielten eine Rede vor einem Ausschuss netter Juroren – Personen, die während des Zuhörens ermutigende nonverbale Signale aussandten (z. B. Lächeln).
  • Die Gruppe mit viel Stress. Die Mütter dieser Gruppe hielten eine Rede vor einem Ausschuss von kritischen Juroren. Diese Juroren reagierten auf die Rede mit negativem nonverbalen Feedback, wie Stirnrunzeln, verschränkten Armen und missbilligendem Kopfschütteln.

Etwa zehn Minuten nach Erfüllung der Aufgaben wurden die Mütter mit den Babys wieder vereint und die Forscher/innen beobachteten die Veränderungen in der Herzfrequenz.

Was geschah?

Es ist nicht überraschend, dass die Mütter mit den stärksten Anzeichen von Stress, diejenigen waren, die in der Gruppe mit viel Stress waren – also die Frauen, die vor den kritischen Juroren Reden hielten. Wirklich interessant ist jedoch, dass sich die Reaktionen der Mütter auch in dem Stresslevel ihrer Babys widerspiegelten.

Die Babys der Mütter in der stressigsten Situation zeigten, innerhalb weniger Minuten nach der Wiedervereinigung, die gleichen Veränderungen in der Herzfrequenz. Und dieser Übertragungseffekt von Stress wurde mit der Zeit immer stärker.

Es gab auch einen nachweisbaren Einfluss auf das Verhalten. Im Vergleich zu den Babys, deren Mütter keiner Stresssituation ausgesetzt waren, zeigten die Babys, deren Mütter in der Öffentlichkeit sprachen, eine größere Scheu vor der Interaktion mit Fremden.

Wie genau übertrug sich der Stress der Mütter auf ihre Babys?

Es ist anzunehmen, dass die Säuglinge auf verschiedenen Wegen Informationen aufgenommen haben. Wir wissen zum Beispiel, dass Babys auf den emotionsgeladenen Unterton unserer Stimmen reagieren.

Babys spiegeln unseren Gemütszustand, sobald wir ihnen in die Augen blicken. Und es scheint, dass auch Berührungen ein relevanter Weg sind.

Waters und ihre Kolleg/innen untersuchten diese Möglichkeit in einer Folgestudie, die der ersten Studie sehr ähnlich war. In dieser Studie wurden 105 Paare aus Mutter und Baby einer Trennung unterzogen, während der manche der Mütter unter Stress gesetzt wurden. Diesmal fügten die Forscher/innen aber noch ein paar zusätzliche Faktoren hinzu.

1. Bei der Wiedervereinigung mit ihren Müttern wurden einige Babys auf eine bestimmte Art und Weise gehalten (auf den Schoß ihrer Mütter gelegt), während andere Säuglinge der Bedingung „keine Berührung“ zugeordnet wurden.

Die Babys in der „berührungsfreien“ Situation saßen in Hochstühlen neben ihren Müttern und durften nur durch Sehen und Hören interagieren. Die Mütter hatten die strikte Anweisung, die Babys nicht zu berühren.

2. Das Experiment endete nicht mit der Wiedervereinigung von Mutter und Kind. Stattdessen kam nach etwa 5 Minuten privater “ Zweisamkeit“ ein weiterer Erwachsener in den Raum.

Dieser Erwachsene führte einen „harmlosen Small Talk“ mit der Mutter und versuchte dann nach einigen Minuten, mit dem Baby zu spielen.

Die Identität des Erwachsenen variierte. Bei Müttern, die die Bedingung „kein Stress“ erlebt hatten, war der Erwachsene ein freundlicher Laborant. Warst du eine Mutter, die die stressige Bedingung „öffentliches Sprechen“ erlebt hatte, war der Erwachsene einer deiner Juroren – also einer der Leute, die dir all die missbilligenden Blicke zugeworfen hatten.

Wie haben die Babys reagiert?

Man sollte meinen, dass das „Berührungsverbot“ die Babys sehr frustriert und so war es auch. In den ersten Minuten nach der Wiedervereinigung teilten die Babys in der „berührungsfreien“ Situation eher die Belastung ihrer Mütter.

Bei den Familien, die unter Stress standen, änderte sich die Lage, als der Juror den Raum betrat. Der Stresspegel der Mutter stieg, und die Babys schienen das zu bemerken, zumindest wenn sie auf dem Schoß ihrer Mutter saßen.

Die Babys, die von ihren Müttern gehalten wurden, spiegelten häufig die körperlichen Stressreaktionen ihrer Mütter wider. Die Babys in der berührungsfreien Situation taten dies nicht.

Es scheint, als wären die Berührungen wie ein leistungsstarkes Verbindungskabel – eine Verbindung, die die effiziente Übertragung von Stress ermöglicht. Ohne diese Verbindung konnten die Babys die Reaktionen ihrer Mütter schlechter nachvollziehen.

Es ist also klar, dass Babys, wie Erwachsene, Stress auch aus „zweiter Hand“ erfahren und empfinden. Babys sind dabei besonders anfällig für Stress, wenn sie mit uns in engem Kontakt stehen.

Diese Erkenntnis sollte uns eigentlich auch nicht überraschen. Zumindest nicht, wenn wir über die Wichtigkeit der Ansteckbarkeit von Stress in der Evolution nachdenken.

Eine Vielzahl von Säugetieren, Vögeln und sogar Fischen lernen Angst durch Beobachtung. Diese Tiere warten nicht darauf, gebissen zu werden, bevor sie entscheiden, dass ein Raubtier furchterregend ist. Sie bemerken, dass die anderen mit Angst reagieren, und nehmen diesen Hinweis auf.

Experimente deuten darauf hin, dass viele Lebewesen Gefühle der Empathie gegenüber anderen empfinden. Sorgfältige Experimente an Nagetieren zeigen, dass man einen Cortisolanstieg verursachen kann, indem man ein Tier einem kürzlich gestressten Artgenossen aussetzt. Ratten reagieren aufgeregt oder verzweifelt, wenn sie andere Lebewesen mit Schmerzen sehen. Junge Mäuse haben anhaltendes, verzweifeltes Verhalten gezeigt, nachdem sie Zeuge wurden, wie ihre Mütter einer stressigen Situation ausgesetzt waren.

Dürfen wir von unseren eigenen Kindern weniger erwarten? Das Gehirn eines Neugeborenen ist im Vergleich zu dem einer Maus riesig. Bei der Geburt sind Babys bereits auf soziale Signale eingestellt und innerhalb weniger Wochen sind sie so klug, dass sie den Anblick teilnahmsloser, unbeteiligter Gesichter bemerken – und sich daran stören.

Natürlich heißt das nicht, dass Babys jeden deiner Gedanken lesen können. Es bedeutet auch nicht, dass wir bleibende Schäden verursachen, wenn wir unsere Babys ab und zu in den Arm nehmen, wenn wir traurig oder belastet sind. Aber Babys sind alles andere als unwissend. Sie reagieren sensibel auf unsere Gefühlslagen. Wie ich bereits an anderer Stelle erwähnt habe, gibt es Hinweise dafür, dass langfristiger Stress aus zweiter Hand – wie zum Beispiel regelmäßiger Streit zwischen Eltern – die Entwicklung des Babys in Bezug auf Stressreaktionen beeinflussen kann.

Der Abbau unseres eigenen Stresses ist also nicht nur gut für unsere Gesundheit. Er ist auch gut für unsere Babys. Bevor wir uns mit unseren Babys auseinandersetzen, sollten wir uns einen Moment Zeit nehmen, um uns zu beruhigen.

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/fwjsBPbRm4g

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