Als ich heute das Internet durchsuchte, fand ich eine Reihe von Artikeln mit Schlagzeilen wie „Studie: Dem Gehirn von Teenagern fehlt es an Empathie“ und “ Der Kopf eines Teenagers: Es geht nur um mich“.

In diesen Artikeln wird eine Gehirnstudie beschrieben, wobei die wichtigsten Fakten falsch wiedergegeben werden. Im Gegensatz zu den Behauptungen in den Schlagzeilen maßen die Studien nicht Einfühlungsvermögen. Die Forscher/innen konnten auch keine Unterschiede in der Einstellung von Erwachsenen und Teenagern feststellen. Und das Gehirn? Im Gegensatz zu den verbreiteten Behauptungen fanden die Forscher/innen heraus, dass die Hirnregion, die für die Verarbeitung von Mitgefühl zuständig ist, bei Teenagern besonders ausgeprägt war.

Wie verbreiteten sich diese Irrtümer? Dieses Missverständnis ist kennzeichnend für ein weit verbreitetes Problem in der Art und Weise, wie die Medien über Forschung berichten. Zu oft veröffentlichen neue Agenturen Behauptungen, ohne das grundlegende Kriterien eingehalten werden. Versteht der Reporter oder die Reporterin, wie die Studie konzipiert und durchgeführt wurde? Ist der Reporter oder due Reporterin mit ähnlichen Studien vertraut und in der Lage, die Ergebnisse in den entsprechenden Kontext einzuordnen? Ist sich der Journalist oder die Journalistin darüber im Klaren, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, um Rückschlüsse auf die Ursachen zu ziehen?

Diese Kriterien scheinen dem gesunden Menschenverstand zu entsprechen, und gute wissenschaftliche Journalisten und Journalistinnen erfüllen sie. Heutzutage ist es jedoch üblich, dass die Medien eine Geschichte ohne die Analyse eines solchen Journalisten oder einer solchen Journalistin einfach übernehmen. In manchen Fällen übernehmen die Verlage einfach die gesamte Story – wortwörtlich – aus einer Pressemitteilung. Das kann zu großen Problemen führen.

Das Problem mit Pressemitteilungen

Pressemitteilungen sind wie Werbung. Sie versprechen, dass eine Studie bestimmte Ergebnisse hervorbringt, und enthalten oft überschwängliche Zitate von Forscher/innen, die sich von der Begeisterung über eine scheinbar neue, wichtige Entdeckung anstecken lassen.

Einige Pressesprecher/innen von Universitäten leisten hervorragende, gründliche Arbeit. Aber Pressemitteilungen erklären die Forschung oft nicht im Detail. Manchmal werden wichtige Aspekte des Aufbaus einer Studie nicht beschrieben oder Informationen weggelassen, die dem Leser oder der Leserin helfen würden, die Einschränkungen der Studie zu verstehen. Außerdem ist es üblich, dass in Pressemitteilungen Studien beinhalten, die noch nicht abgeschlossen sind. Die betreffende Studie wurde möglicherweise noch nicht zur Veröffentlichung in einer von Expert/innen begutachteten Fachzeitschrift eingereicht – geschweige denn zur Veröffentlichung zugelassen. Das ist wichtig zu begreifen, denn Zwischenergebnisse können trügerisch sein. In einigen Fällen wird eine Studie, die in einer Pressemitteilung angekündigt wurde, gar nicht veröffentlicht.

Und dann gibt es noch alltägliche Missverständnisse, die zwischen dem Forscher/innen und dem Pressesprecher/innen entstehen.

Nimmt man all das zusammen, ist es keine Überraschung, dass viele Pressemeldungen Fehler enthalten – manchmal gravierende Irrtümer.

Beispiel: Falsche Aussagen über Empathie und das Gehirn von Teenagern

Betrachte die Berichterstattung über eine fMRT-Studie, die vor einigen Jahren veröffentlicht wurde. Die Forscherinnen und Forscher baten Freiwillige, darüber nachzudenken, was sie in bestimmten fiktiven Situationen tun würden, z.B.: „Was würdest du tun, wenn du im Kino sitzt und die Leinwand nicht sehen kannst? Setzt du dich auf einen anderen Platz?“

Während die Probanden diese Fragen beantworteten, zeichnete man ihre Gehirnaktivität auf. Interessanterweise unterschied sich das Muster der Hirnaktivität bei Jugendlichen und erwachsenen Proband/innen. Die vollständigen Details wurden 2007 veröffentlicht. Doch schon sechs Monate vor der Veröffentlichung dieser Studie wurde eine Pressemitteilung über die Studienergebnisse verbreitet.

Schlagzeilen machten im Internet die Runde: “ Dem Gehirn von Teenagern fehlt es an Empathie“.

In vielen Artikeln wurde behauptet, dass Teenager im Vergleich zu Erwachsenen einen Bereich des Gehirns, der mit Empathie, Schuldgefühlen und sozialen Entscheidungen zu tun hat, zu wenig nutzen.

Eine Version begann folgendermaßen: „Das normale Gehirn von Teenagern ist womöglich eine „Selbstsüchtige“-Welt. Gehirnscans belegen, dass sich die Gehirne von Teenagern noch entwickeln, wenn es um die Wahrnehmung der Gefühle anderer Menschen geht.“

Ein anderer Artikel begann mit der Behauptung: „Wenn du jemals das Gefühl hattest, dass Jugendliche keine Rücksicht auf deine Gefühle nehmen, liegt das wohl daran, dass sie dazu einfach noch nicht in der Lage sind.“

Die Wirklichkeit?

Zunächst einmal ist es ein gewaltiger Trugschluss anzunehmen, dass Jugendliche und Erwachsene Informationen unterschiedlich verarbeiten und die eine Gruppe deshalb einfühlsamer ist als die andere. Ich bin skeptisch, was die Vorstellung angeht, dass Teenager weniger einfühlsam für den Schmerz anderer sind.

Das hat mich also gestört, als ich die Schlagzeilen zum ersten Mal las. Doch als ich die Studie tatsächlich las, entdeckte ich diese erstaunlichen Fakten.

  • Die Studie hatte nichts mit Empathie am Hut. Es ging vielmehr darum, Menschen zu bitten, ihre Absichten vorauszuahnen. Um sicherzugehen, fragte ich bei der Studienleiterin nach. Sie bestätigt, dass die fiktiven Szenarien, die in der Studie vorgestellt wurden, „keinen emotionalen Inhalt“ hatten.
  • Es gab keinen Unterschied in der Art und Weise, wie Jugendliche und Erwachsene die Fragen beantworteten. In Bezug auf das Verhalten zeigten beide Gruppen die selben Leistungen.
  • Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass Jugendliche Teile ihres Gehirns zu wenig nutzen, hat die Studie genau das Gegenteil bewiesen. Jugendliche zeigten mehr Aktivität in diesen Hirnregionen, nicht weniger.

Das ist richtig. Die Jugendlichen nutzten diesen Bereich des Gehirns, der für Empathie und soziale Entscheidungsfindung zuständig ist, mehr als Erwachsene.

Woran liegt das? Das ist unklar. Womöglich liegt es an der Leistungsfähigkeit. Im Allgemeinen haben die Gehirne Erwachsener effizientere Nervennetze, wodurch sie Informationen schneller und besser verarbeiten können. Möglicherweise müssen die Gehirne Jugendlicher mehr leisten, um die gleichen Ergebnisse zu erhalten. Vielleicht brauchen sie mehr Sauerstoff oder Energie, um ihre Nervenbahnen anzutreiben.

Auch Lebenserfahrungen spielen womöglich eine Rolle. Ich habe viele Erfahrungen darin, zu entscheiden, wo ich im Kino sitzen will. Wenn man mir eine fiktive Frage stellt, brauche ich nicht lange zu überlegen, um eine Antwort zu geben, was ich tun würde. Für Jugendliche erfordert die Beantwortung solcher Fragen eventuell mehr bewusstes Nachdenken.

Vielleicht ist es aber auch so, dass Teenager – die notorisch unsicher sind und sich Sorgen machen, wie andere auf sie reagieren – den Sitzwechsel im Kino eher als ein soziales Problem sehen und sich sorgen, was andere jetzt vielleicht über sie denken.

Doch wie auch immer die Erklärung aussehen mag, die Tatsache bleibt bestehen: Die allseits bekannte Aussage, dass es den Gehirnen von Teenagern an Einfühlungsvermögen mangelt, ist schlichtweg unbegründet. Die Studie fand einen interessanten Unterschied in der Art und Weise, wie Jugendliche Informationen verarbeiten, doch der Unterschied zeigt nicht, dass Jugendliche weniger einfühlsam sind als Erwachsene.

Bildquelle: https://unsplash.com/photos/TvsKqeORBl4

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