Mobbing in der Kindheit ist ein hinterhältiges Benehmen, das leider auch durch die Geheimhaltung und die Duldung der Erwachsenen gedeiht.

Die neuesten Bemühungen eines Vaters aus Ohio (USA), sein Kind für Mobbing zur Rechenschaft zu ziehen, sind lobenswert. Auch wenn die von ihm angewandte Methode fragwürdig ist.

Matt Cox bestand darauf, dass seine zehnjährige Tochter drei Tage lang acht Kilometer pro Richtung zur Schule lief, nachdem sie wegen Mobbing aus dem Schulbus verbannt worden war.

Er veröffentlichte ein Video von ihrem Schulweg in den sozialen Medien, das mehr als 15 Millionen Zuschauer/innen anlockte. Cox‘ Aktionen haben bei Eltern und Experten gleichermaßen gemischte Reaktionen hervorgerufen.

Betrachten wir zunächst das Filmen und Posten einer Disziplinarmaßnahme in den sozialen Medien. Disziplin funktioniert am besten, wenn sie eine persönliche Sache zwischen Eltern und ihren Kindern ist und nicht mit anderen geteilt wird.

Disziplinierungsmaßnahmen sollten privat bleiben

Die meisten Kinder fühlen sich unwohl, wenn selbst ihre engsten Familienangehörigen von ihrer Disziplinierung etwas mitbekommen. Die Verbreitung des Videos in den sozialen Medien grenzt an eine Erniedrigung, was vermutlich nicht die Absicht des Vaters war. Stell dir vor, die Eltern von Cox hätten vor dreißig Jahren eine Bestrafung ihres Sohnes gefilmt und als Kurzfilm in Kinos im ganzen Land gezeigt. Der Aufschrei wäre groß gewesen über diese Verletzung der Privatsphäre. Durch die sozialen Medien ist die Veröffentlichung privater Ereignisse mittlerweile normal und wird oft nicht mehr hinterfragt.

Eltern sollten ihre Kinder dazu ermutigen, sorgfältig nachzudenken, bevor sie etwas in den sozialen Medien posten, denn wenn die Katze einmal aus dem Sack ist, kann man sie nicht mehr wieder hineinstecken. Das Video könnte sich in Zukunft schlecht für seine Tochter auswirken.

Eltern müssen ihren Kindern Verantwortung vorleben

Es ist lobenswert, dass dieser Vater seine Tochter für ihr Verhalten zur Rechenschaft ziehen will, anstatt es als Bagatelle abzutun oder als eine „Naja, so etwas passiert halt mal“-Angelegenheit. Viel zu oft rechtfertigen Eltern das schlechte Verhalten ihrer Kinder oder nehmen es nicht ernst.

Der Vater unterstützte die Vorgehensweise des Busfahrers, welche vermutlich von der Schule empfohlen wurde. Viele Lehrerinnen und Lehrer sowie Schulleiterinnen und Schulleiter sind über die Untätigkeit der Eltern gegenüber dem unangemessenen Verhalten ihrer Kinder frustriert. Ich vermute, dass die meisten Lehrkräfte an der Schule des Mädchens das Verhalten des Vaters begrüßt hätten.

Die Tatsache, dass sie zu Fuß zur Schule ging, gab ihr also viel Zeit, über ihr Verhalten nachzudenken. Diese Art der Bestrafung führt jedoch in der Regel nicht dazu, dass Mobbing aufhört.

Methode der wiedergutmachenden Gerechtigkeit

Die Wiederherstellung von Beziehungen ist eine Schlüsselstrategie, die von vielen Schulen angewendet wird. Sie trägt erfolgreich dazu bei, das Mobbingverhalten zu ändern. Immer häufiger wird von mobbenden Kindern erwartet, dass sie sich ihren Opfern gegenüber stellen. Und zwar in sicheren, von Lehrkräften geleiteten Gesprächen. Sie müssen sich an ihre Taten erinnern und über ihr Verhalten Rechenschaft ablegen. Außerdem hören sie von der Person, die sie gemobbt haben, wie sich ihr Verhalten auf sie ausgewirkt hat. Das ist meist sehr konfrontativ. Diese Methode der wiedergutmachenden Gerechtigkeit fördert wahre Verantwortung. Es wird von den Kindern erwartet, dass sie den Schaden, den sie der anderen Person zugefügt haben, auf irgendeine Weise wiedergutmachen.

Studien zeigen, dass viele Kinder, die mobben, sich in der Regel nicht mit den Auswirkungen des Mobbings identifizieren können. Wenn sie also aus erster Hand erfahren, wie sich ihr Verhalten auf andere auswirkt, ist es wahrscheinlicher, dass sie ein gewisses Einfühlungsvermögen entwickeln und das Mobbing hoffentlich abnimmt.

Wie jede Methode zur Verhaltensänderung funktioniert auch diese nicht immer. Sie muss in einer ruhigen, respektvollen Art und Weise angewendet werden und erfordert die Unterstützung der Eltern aller beteiligten Kinder. Bei dieser Methode der wiedergutmachenden Gerechtigkeit geht es weniger darum, Rache auszuüben („Du wirst deine Strafe schon bekommen“), sondern vielmehr darum, der gemobbten Person Gerechtigkeit zu verschaffen („Fühlst du dich sicher und hast du das Gefühl, dass dir zugehört wurde?“) und eine Verhaltensänderung bei dem Kind zu erreichen, das gemobbt hat.

Die Methode zuhause nutzen

Eltern können diesen Ansatz in ihrer Familie anwenden. Dies geht, indem sie ihr Kind ermutigen, es wieder gut zu machen, wenn es einen Bruder oder eine Schwester geärgert hat oder gemein zu ihnen war. Der Spruch „Wenn du Beziehungen kaputt machst, musst du sie wiederherstellen“ eignet sich wunderbar, um Kindern beizubringen, wie sie Verantwortung für ihr schlechtes Verhalten übernehmen können. Auch diese Methode ist nur dann wirksam, wenn sie in einer sicheren und friedlichen Umgebung durchgeführt wird, in der Kinder und Jugendliche zuhören können.

Fazit

Mobbing in der Kindheit erfordert eine Null-Toleranz-Vorgehensweise seitens der Eltern, Lehrer/innen und Trainer/innen. Die Vorgehensweise muss allen Parteien gegenüber respektvoll sein. Sie muss darauf ausgerichtet sein, Gerechtigkeit zu schaffen und die individuelle Sicherheit zu wahren, anstatt Vergeltung zu suchen und sich zu rächen; und sie muss konsequent im privaten und nicht im öffentlichen Bereich stattfinden.

Bildquelle: https://www.freepik.com/free-photo/kids-laughing-their-classmate_13132971.htm

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