Was geschieht, wenn Erwachsene Kinder anlügen? Es gibt Anzeichen dafür, dass Kinder uns gegenüber unehrlicher werden. Wenn es zur Gewohnheit wird, Kinder anzulügen, besteht darüber hinaus sogar ein erhöhtes Risiko, dass sie aggressive und unsoziale Verhaltensprobleme entwickeln.

Woher wissen wir das? Was macht Lügen so „ansteckend“? Und was können wir tun, um es zu verhindern? Schauen wir uns die Forschung einmal genauer an.

Offensichtliche Lügen

Stell dir Folgendes vor. Ein Erwachsener trifft auf ein Kind und sagt: “ Nebenan gibt es eine riesengroße Schüssel mit Süßigkeiten. Möchtest du dir welche holen?“

Das Kind stimmt zu und folgt dem Erwachsenen in den Raum. Doch dort gibt es keine Süßigkeiten. Der Erwachsene gibt zu, dass er gelogen hat und erklärt: „Ich sagte das nur, weil ich wollte, dass du mit mir spielst.“

Dies war der erste Schritt in einem Experiment von Chelsea Hays und Leslie Carver. Die Forscher/innen setzten 46 Kinder diesem Schwindel aus, und – wie zu erwarten – waren die Kinder enttäuscht. Doch sie waren höflich und stimmten trotzdem zu, mit dem Erwachsenen zu spielen.

Das führte zum nächsten Teil des Experiments: Einem Ratespiel.

In diesem Teil des Experiments wurde jedes Kind aufgefordert, nach vorne zu starren, während ein Erwachsener ein Spielzeug hinter dem Rücken des Kindes hielt.

Das Spielzeug stellte einen bekannten fiktiven Charakter dar (z. B. Winnie Puuh oder das Krümelmonster) und die Aufgabe des Kindes war es, die Identität des Spielzeugs zu erraten, ohne es anzusehen.

Nach zwei Runden erklärte die Erwachsene plötzlich, dass sie kurz weg müsse, um einen Anruf anzunehmen. Sie sei gleich wieder da und dann würden sie das Spiel fortsetzen.

Währenddessen, so erklärte sie, wollte sie das nächste Spielzeug zurücklassen, das identifiziert werden sollte. Sie deckte es ab – damit das Kind nicht sehen konnte, was es war – und legte es auf einen Tisch.

“ Gucke nicht unter die Abdeckung, während ich weg bin!“

Der Erwachsene war 90 Sekunden lang weg. In dieser Zeit wurden die Aktivitäten des Kindes mithilfe einer versteckten Kamera aufgezeichnet.

Als der Erwachsene zurückkam, bat er das Kind zu versprechen, die Wahrheit zu sagen. Dann fragte sie das Kind: „Als ich weg war, hast du dich umgedreht und dir das Spielzeug angeschaut?“

Nun war also der Moment gekommen, die Wahrheit zu sagen. Würden die Kinder lügen, wenn sie einen Blick darauf warfen? Hays und Carver zeichneten die Antworten auf und verglichen die Resultate mit denen einer Kontrollgruppe – 47 Kinder, die dieselbe Situation durchliefen, aber ohne den anfänglichen Trick. Sie hatte man nicht belogen.

War ein Unterschied festzustellen? Reagierten die Kinder unterschiedlich, je nachdem, ob sie den Erwachsenen zuvor bei einer Lüge ertappt hatten oder nicht?

Die Antwort – für die kleinsten Kinder – war nein. Im Vergleich zu älteren Kindern neigten die 3- und 4-Jährigen dazu, öfter zu gucken. Sie neigten auch eher dazu, im Anschluss die Wahrheit zu sagen. Ihre Antworten unterschieden sich aber nicht danach, ob sie vor dem Experiment der offensichtlichen Läge ausgesetzt waren. Es machte keinen Unterschied, ob sie belogen wurden oder nicht.

Bei den älteren Kinder (ab 5 Jahren) war die Situation aber anders. Hier hing das Verhalten von der Vorgeschichte mit dem Erwachsenen ab.

Die Kinder, die von einem Erwachsenen belogen wurden, waren eher bereit, nachzusehen. Es war auch wahrscheinlicher, dass sie anschließend darüber logen.

Warum waren die kleinsten Kinder nicht betroffen?

Vielleicht waren die Vorschulkinder in diesem Experiment einfach noch zu jung, um zu verstehen, wie Lügen funktionieren. Forschungen legen nahe, dass kleinen Kindern kognitive Fähigkeiten fehlen, um das Konzept der Lüge vollständig zu begreifen. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass die jüngsten Kinder nachsichtiger waren.

So oder so liefert uns das Experiment den Beweis, dass ältere Kinder – Kinder ab 5 Jahren – ihr Verhalten änderten. Und wir sollten auch folgendes beachten. Dieses Experiment beschäftigte sich nur mit sehr kurzfristigen Auswirkungen – der unmittelbaren Reaktion eines Kindes auf eine einzige Lüge.

Was passiert, wenn Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem Erwachsene regelmäßig lügen, um zu kontrollieren und zu manipulieren?

Die beste Möglichkeit, diese Frage zu beantworten, wäre es, längerfristige Experimente durchzuführen.

Doch das wäre extrem unethisch. Einige Kinder nach dem Zufallsprinzip bei Erwachsenen aufwachsen zu lassen, die sie regelmäßig anlügen? Das geht nicht.

Also müssen wir einen anderen Ansatz wählen: Wir messen das Lügen im Alltag und suchen nach Zusammenhängen.

Wächst man mit einem Elternteil auf, der einen regelmäßig anlügt, ist man dann eher geneigt, selbst unehrlich zu sein? Rachel Santos und ihre Kollegen haben diesen Ansatz in mehreren Studien untersucht.

In einer Studie befragten sie 50 Studentinnen an einer nordamerikanischen Universität. Eine andere Studie beinhaltete die Befragung 179 junge Erwachsene, die in Singapur leben. In beiden Fällen baten die Forscherinnen und Forscher die Teilnehmer/innen, über ihre Kindheit nachzudenken und sich daran zu erinnern, ob ihre Eltern sie regelmäßig angelogen haben oder nicht.

Die Forscher fragten vor allem nach vier Kategorien von Lügen:

  • Lügen bezüglich der Ernährung ( z.B. “ Wenn du dein Essen nicht aufisst, bekommst du überall im Gesicht Pickel“)
  • Lügen in Bezug auf das Gehen oder Bleiben ( z.B. “ Wenn du jetzt nicht mitkommst, lasse ich dich hier allein“)
  • Lügen bezüglich Finanzen (z.B. „Ich habe heute kein Geld dabei, wir können ja ein anderes Mal wiederkommen“)
  • Lügen in Bezug auf Fehlverhalten (z. B. „Wenn du dich nicht benimmst, rufe ich die Polizei“).

Diese so genannten „instrumentellen Lügen“ sind ziemlich weit verbreitet.

In einer Umfrage unter Eltern in den USA und China gaben fast die Hälfte der amerikanischen Teilnehmer/innen an, ihren Kindern instrumentelle Lügen im Zusammenhang mit Fehlverhalten zu erzählen, und die Mehrheit der Eltern in beiden Ländern gab an, mindestens eine Lüge aus den drei Kategorien zu verwenden.

Doch manche Eltern lügen mehr als andere. Hat das Auswirkungen auf das Verhalten der Kinder, wenn sie das junge Erwachsenenalter erreichen? Um dies herauszufinden, befragten Santos und ihre Kollegen die Teilnehmer der Studie auch zu ihren eigenen, aktuellen Verhaltensweisen. Tatsächlich gab es Zusammenhänge.

Junge Erwachsene, die sich daran erinnerten, dass ihre Eltern häufiger gelogen hatten, berichteten mit höherer Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Eltern im Erwachsenenalter häufiger anlügen.

Sie wiesen auch ein größeres Maß an psychischer Fehlanpassung auf. Sie wiesen häufiger aggressive Verhaltensprobleme und antisoziale Persönlichkeitsprobleme auf.

Natürlich sind dies nur Zusammenhänge. Diese Zusammenhänge alleine beweisen nicht, dass Lügen der Eltern die Entwicklung von Unehrlichkeit und psychischer Fehlanpassung verursachen – oder dazu beitragen. Doch die Ergebnisse stimmen mit der vorliegenden Interpretation überein. Sie stimmen auch mit einigen der kurzfristigen Effekte überein, die im Experiment „Ich habe eine riesige Schüssel mit Süßigkeiten“ beobachtet wurden.

Und die Ergebnisse decken sich mit anderen Untersuchungen über Soziale Netzwerke. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen lügen, ist größer, wenn sie feststellen, dass andere Menschen in ihrem Umfeld – Freunde, Familie, Liebespartner – die Gewohnheit haben, die Wahrheit zu verschleiern.

Darüber hinaus ergibt das ganze “ Unredlichkeit erzeugt Unehrlichkeit“ Modell Sinn, insbesondere wenn du die Dinge aus dem Blickwinkel der Spieltheorie betrachtest.

Die Ergebnisse dieser Studien erinnern mich vor allem an die Forschung zum sogenannten „Gefangenendilemma„, einem klassischen strategischen Szenario. Falls du noch nie davon gehört hast – oder wenn du eine Auffrischung der Details brauchst – kannst du dir die folgende Version des Rätsels ansehen.

Das Gefangenendilemma

Stell dir vor, du wirst beschuldigt, gemeinsam mit einem Komplizen ein Verbrechen begangen zu haben. Sowohl du als auch die andere Person wurden von der Polizei gefasst. Dein Komplize ist in einer separaten Zelle inhaftiert, und ihr beide könnt nicht miteinander sprechen.

Die Staatsanwaltschaft braucht ein Geständnis, um eine Verurteilung für die schwersten Anklagepunkte zu erreichen. Also bieten sie dir einen Deal an:

„Wenn du ein Geständnis ablegst und dein Komplize schweigt, dann lassen wir dich laufen und dein Komplize muss für 20 Jahre ins Gefängnis.“

Das ist gut für dich, oder? Doch es gibt ein Problem. Sie verraten dir auch Folgendes:

„Wenn ihr beide gesteht, bekommt ihr jeweils 15 Jahre Haft.“

Deswegen solltest du lieber schweigen. Doch das Schweigen birgt seine eigenen Risiken:

„Wenn du schweigst und dein Komplize gesteht, wird dein Komplize freigelassen und du bist derjenige, der die 20 Jahre Strafe absitzen muss.“

Oh-oh. Das ist nicht gut. Und wenn beide schweigen?

„Wenn keiner von euch gesteht, werden wir euch beide wegen der geringeren Anklagepunkte verurteilen und ihr werdet beide eine Strafe von zwei Monaten verbüßen.“

Du siehst, warum das Gefangenendilemma so schwierig ist. Um eine Entscheidung zu treffen, die die Haftzeit minimiert, musst du wissen, was der andere tun wird.

Wenn ihr euch unter vier Augen unterhalten könntet – und euch gegenseitig vertraut – könntet ihr eine Vereinbarung treffen. Ihr könntet euch darauf einigen, zu schweigen. Dann würdet ihr beide eine geringe Haftstrafe von zwei Monaten verbüßen. Ihr würdet aber beide vermeiden, 20 Jahre im Gefängnis zu verbringen.

Doch leider könnt ihr dieses Gespräch nicht unter vier Augen führen und müsst befürchten, dass ihr den Kürzeren zieht. Das könnte euch beide dazu bringen, zu gestehen – und in diesem Fall müsst ihr beide 15 Jahre absitzen!

Was hat das mit Aufrichtigkeit und Kindererziehung zu tun?

Hoffentlich wirst du niemals in eine Situation kommen, in der du mit einer Haftstrafe rechnen musst. Doch das zugrunde liegende Dilemma – zusammenarbeiten oder eigene Interessen verfolgen – begegnet uns im Alltag immer wieder.

Wir treffen häufig auf Situationen, in denen wir lieber kooperieren würden. Das bringt uns nicht immer die Möglichkeiten, die unsere direkten, eigenen Interessen bestmöglich verwirklichen. Doch in der Regel nützt es uns ziemlich viel. Außerdem zahlt es sich langfristig aus: Es hilft uns, unterstützende soziale Netzwerke aufzubauen. Wir können in die Zukunft blicken, weil wir wissen, dass andere uns den Rücken stärken.

Doch es gibt einen Haken, ein Problem bei der Zusammenarbeit mit anderen. Was ist, wenn wir dem anderen nicht vertrauen können?

Genau das ist der springende Punkt des Gefangenendilemmas, wenn es um „Erziehung mit Hilfe von Lügen“ geht. Kinder müssen sich entscheiden, ob sie uns vertrauen können oder nicht.

Eltern sind sozusagen die Komplizen im Gefangenendilemma – die Person, die das Kind hinterfragt. Wenn Kinder wissen, dass wir sie in der Vergangenheit belogen haben, müssen sie entscheiden, ob es sich lohnt, mit uns zu kooperieren.

Sollten Kinder dieses Risiko eingehen? Oder sollten sie nicht mehr kooperieren und stattdessen auf sich selbst achten?

Spieltheoretiker haben diese Situationen untersucht und sind zu dem Schluss gekommen, dass die folgende Strategie ziemlich wirksam ist, zumindest wenn wir das Spiel immer wieder mit der gleichen Person spielen. Sie heißt “ Tit for tat“ und ist ziemlich einfach:

Die “ Tit for tat“-Strategie:

  1. Entscheide dich zu Beginn des ersten Spiels für die Zusammenarbeit.
  2. Wenn dein Partner die gleiche Entscheidung trifft, ist das ein Erfolg! Ihr habt einen Grund euch zu vertrauen. Wiederhole das Spiel, indem du wieder kooperierst, und fahre damit fort, so lange dein Partner kooperiert.
  3. Sobald dein Partner nicht mehr kooperativ ist, tust du dasselbe. Er hat dich im Stich gelassen und du kannst ihm nicht mehr trauen.

Reagieren Kinder auf die Lügen ihrer Eltern, auf diese Weise?

Falls ja, haben wir ein Problem! Wenn sie uns das erste Mal bei einer selbstsüchtigen, manipulativen Lüge erwischen, werden sie sich dann vielleicht dazu entschließen, ebenfalls zu lügen.

Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass intelligente, soziale Lebewesen – wie Menschen und Schimpansen – nicht auf diese gnadenlose Art und Weise Vergeltung üben.

Stattdessen verhalten sie sich so, als würde es vor allem auf den langfristigen Durchschnitt ankommen. Wenn dein Partner sich als hilfsbereit und vertrauenswürdig erweist, bist du womöglich bereit, gelegentlich über einen Fehltritt oder ein nicht eingehaltenes Versprechen hinwegzusehen.

Und das ist eine gute Nachricht. Falls du dich der „Erziehung durch Lügen“ schuldig gemacht hast, musst du also nicht davon ausgehen, dass du es komplett vermasselt hast. Wenn du deine Lügen minimierst und eine gute Bilanz vorweisen kannst, ist es wahrscheinlich, dass du dir ein gewisses Maß an Vertrauen aufbauen kannst.

Doch die Forschung zeigt auch ein Warnzeichen auf.

Wenn wir unsere Kinder anlügen, können sie das als Erlaubnis sehen, uns ebenfalls anzulügen. Wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, um das Vertrauen wiederherzustellen, könnte das auf lange Sicht sehr schlechte Auswirkungen haben.

Zusammenhang zwischen Lügen, Aggression und antisozialem Verhalten

Das Gefangenendilemma könnte erklären, warum Kinder unehrlichen Erwachsenen Lügen erzählen. Doch was ist mit anderen, längerfristigen Folgen, die Rachel Santos und ihre Kollegen beobachteten? Die erhöhte Aggression? Das höhere Risiko, antisoziale Verhaltensweisen zu entwickeln?

Wir können es nicht eindeutig sagen. Doch die Forscher vermuten, dass „Erziehung durch Lügen“ andere, bessere Methoden der Erziehung verdrängt.

Wenn Eltern sich stark auf instrumentelle Lügen verlassen, verbringen sie möglicherweise seltener Zeit damit, ihre Kinder in Gespräche zu verwickeln, die ihnen helfen könnten, wichtige Fähigkeiten zum Lösen von Problemen und zum Verhandeln zu entwickeln.

Dadurch wachsen ihre Kinder mit weniger solcher Fähigkeiten auf und haben ein höheres Risiko für antisoziales Verhalten.

Hierbei handelt es sich natürlich um Spekulation, sie klingt aber vernünftig. Und sie weist auf einen weiteren Hoffnungsträger hin:

Wir können die Kinder von Aggression und antisozialem Verhalten fernhalten, indem wir ihnen beibringen, wie sie mit ihren Gefühlen und Impulsen umgehen.

Wohin führt uns das alles also? Zu einer sehr anti-autoritären Schlussfolgerung: Unseren Kindern geht es besser, wenn Erwachsene es vermeiden, ihnen manipulierende Lügen zu erzählen.

Wenn die Kinder feststellen, dass wir lügen, wirkt sich das auf ihr Verhalten aus – sowohl kurz- als auch langfristig.

Und es schadet wahrscheinlich auch unseren Beziehungen. In einer weiteren Studie über die Ergebnisse junger Erwachsener gaben Personen, die sich an häufiges elterliches Lügen in der Kindheit erinnerten, mit größerer Wahrscheinlichkeit an, dass sie mit der Beziehung zu ihren Eltern unzufrieden waren.

Wenn wir also unsere Kinder zu ehrlichem Verhalten anregen wollen, müssen wir ihnen dieses Verhalten vorleben.

Wollen wir Kinder großziehen, die ausgeglichen sind und bereit, andere mit Respekt zu behandeln, müssen wir es vermeiden, sie mit Lügen zu manipulieren.

Wenn wir möchten, dass sich unsere persönlichen Beziehungen für alle Beteiligten lohnen, müssen wir uns gegenseitig mit Ehrlichkeit und Freundlichkeit behandeln.

Das ist, zugegebenermaßen, nicht immer einfach. Es erfordert aber Anstrengung und Wachsamkeit. Sind wir bereit, uns dieser Herausforderung zu stellen?

Bildquelle: https://www.freepik.com/free-photo/young-emotional-man-posing-against-white-wall-covers-mouth-with-hand_11136298.htm

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