Nach einem uralten Klischee mobben Menschen andere, weil sie ein geringes Selbstwertgefühl haben und ihnen grundlegende soziale Kompetenzen fehlen. Sie verstehen nicht, wie sie durch Gespräche bekommen können, was sie wollen, und setzen stattdessen auf Aggression.

Stimmt das?

Möglicherweise bei manchen Menschen. Doch viele Mobber – von Sozialwissenschaftlern als “ pure Mobber“ kategorisiert – sind selbstbewusst und gesellschaftlich angesehen. Sie sind beliebt und werden von ihren Mitschülern als „cool“ betrachtet.

Einige Mobber sind sogar recht gut im „Gedankenlesen“, also in der Fähigkeit, die Gefühle, Absichten und Glaubenssätze anderer zu deuten. Sie haben ein gutes Gespür für soziale Normen. Sie wissen, was andere Menschen wollen, mögen und erwarten.

Aber du kannst gut darin sein, und trotzdem fehlt es dir an Empathie. Du kannst soziale Normen verstehen und trotzdem der Überzeugung sein, dass es akzeptabel ist, sie zu übertreten.

Und genau das ist wahrscheinlich der Punkt, an dem die Fähigkeiten des gewöhnlichen Mobbers zu kurz kommen.

In einer Studie mit über 700 amerikanischen Kindern haben Gianluca Gini und seine Kollegen zum Beispiel herausgefunden, dass Mobber, obwohl sie recht gut über Überzeugungen, Ergebnisse und die moralische Zulässigkeit verschiedener Handlungen nachdenken können, im Vergleich zu Opfern und Kindern, die diese verteidigen, in Bezug auf moralisches Mitgefühl extrem schwach sind.

Und eine Studie mit italienischen Jugendlichen ergab, dass Jungen, die Mobber waren, bei einem Test zur Bewertung des Einfühlungsvermögens eher niedrige Ergebnisse erzielten.

Ist das ernst zu nehmen?

Ich denke ja.

Untersuchungen legen nahe, dass einige Mobber im Vergleich zu anderen Kindern häufiger eine dissoziale Persönlichkeitsstörung entwickeln, eine psychiatrische Störung, die durch die Missachtung der Rechte und Gefühle anderer gekennzeichnet ist.

Es überrascht auch nicht, dass viele Mobber eine ungewöhnliche Einstellung zu Gewalt, Brutalität und der menschlichen Natur haben. Schauen wir uns das mal genauer an.

Wie Mobber über Mobbing denken

In einer Studie mit italienischen und spanischen Kindern baten die Forscher Schüler der 4. und 8. Klasse, die Mobber und die Opfer in ihren Klassen zu identifizieren.

Anschließend legten die Forscher/innen jedem Kind eine Geschichte über Mobbing durch Gleichaltrige vor, die mit Cartoons illustriert war.

Die Geschichte enthielt 10 verschiedene Szenen von Mobbing. In jeder Szene wurde ein unausgewogenes Kräfteverhältnis zwischen Mobber und Opfer dargestellt. Alle Figuren wurden mit neutralem Gesichtsausdruck dargestellt.

Während der Präsentation forderten die Forscher die Kinder auf, sich mit dem Mobber zu identifizieren:

„Wenn du dieser Junge oder dieses Mädchen in der Geschichte wärst“ (auf den Mobber zeigend), „würdest du dich (schuldig, beschämt, gleichgültig oder stolz) fühlen? Warum würdest du dich so fühlen?“

Die von Gleichaltrigen benannten Mobber gaben eher an, dass sie Stolz oder Gleichgültigkeit empfinden würden.

Mobber waren auch eher egozentrisch und erklärten ihre emotionalen Reaktionen mit guten Konsequenzen für sich selbst.

Mobber rechtfertigen ihren Stolz oder ihre Gleichgültigkeit zum Beispiel mit den Worten

  • „Ich fühle mich großartig, da ich die Aufmerksamkeit anderer Kinder bekomme“ oder
  • „Ich fühle mich nicht schuldig, denn es war nur ein Scherz.“

Wie vermeiden Mobber Scham- und Schuldgefühle?

Vielleicht leiden manche Mobber an einem neurologischen Defizit – einer Fehlfunktion des Gehirns, die sie daran hindert, Schmerzen anderer wahrzunehmen oder ihnen gleichgültig zu sein.

Doch es gibt auch andere denkbare Erklärungen.

Womöglich sind Mobber einfach gut darin, ihr Fehlverhalten zu rechtfertigen.

Moralisches Loslösen

Moralisches Loslösen ist der Prozess, durch den Menschen sich selbst davon überzeugen, dass ihr schlechtes Verhalten moralisch akzeptabel ist.

Der Stanford-Psychologe Albert Bandura behauptet, dass Mobber ihr Schuld- oder Schamgefühl „ausschalten“ können, indem sie sich auf einen von mehreren Mechanismen der moralischen Loslösung berufen, darunter

  • Beschuldigung oder/und Entmenschlichung des Opfers
  • Verdrängen oder Verschieben der Verantwortung (z. B. “ Er hat mich dazu verleitet“)
  • Beschönigende Umschreibung (z. B. “ Es war nur ein kleiner Scherz“)
  • Entlastende Vergleiche (z.B.: “ Was ich getan habe, ist nicht so schlimm wie das, was andere getan haben“)

Setzen Mobber solche Mechanismen ein? Gianluca Gini testete diese Idee, indem er junge Teenager befragte, wie stark sie folgenden Aussagen zustimmten oder widersprachen

  • “ Einige Kinder verdienen es, wie Vieh behandelt zu werden,“ und
  • „Kinder können nicht für ihr Fehlverhalten zur Verantwortung gezogen werden, wenn ihre Freunde sie dazu gezwungen haben.“

Mobber, die als Gleichaltrige identifiziert wurden, zeigten die meisten Zustimmungen. Hinzu kamen Kinder, die Mobbern regelmäßig halfen (indem sie das Opfer festhielten oder einfingen) und Kinder, die die Opfer regelmäßig auslachten.

Am seltensten stimmten die Schüler zu, die Mobbingopfer verteidigten – also die Schüler, die von anderen als solche identifiziert wurden und sich regelmäßig für Mobbingopfer einsetzten.

Ist das ein typisches Verhaltensmuster?

Ja. Der Zusammenhang zwischen Mobbing und moralischer Entfremdung wurde in vielen Ländern nachgewiesen – in Europa, Ostasien, Australien und Nordamerika.

Und das ist noch nicht alles.

Machiavellistische Argumentation

Mechanismen der moralischen Loslösung erlauben es Menschen, anderen zu schaden, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

Doch welche Gefühle bestimmen das Gewissen?

In vielen Kulturen der Welt ist es normal, dass Kinder ein Gefühl für Recht und Unrecht entwickeln, das auf Fairness, Wohlwollen und Verantwortung gegenüber anderen beruht.

Dieses Bewusstsein hält sie davon ab, etwas zu tun, nur weil es sich für sie lohnt. Man kann ein Verhalten nicht rechtfertigen, nur weil es Spaß macht oder die eigenen Interessen fördert.

Doch natürlich versuchen Menschen gelegentlich, ihr Verhalten auf diese Weise zu rechtfertigen, indem sie behaupten, dass es akzeptabel ist, gegen die gängigen Regeln der Moral zu verstoßen, solange sie davon profitieren. Wie der politische Philosoph Niccolo Machiavelli schrieb: „Der Zweck heiligt die Mittel“.

Psychologen verwenden den Begriff „Machiavellismus“, um die Neigung einer Person zu beschreiben, diese Einstellungen zu übernehmen und andere zum eigenen Vorteil auszunutzen und zu manipulieren.

Machiavellistische Einstellungen sind sehr oft zynisch, so dass man nicht erwarten kann, dass sie sich bis zum Erwachsenalter entwickeln. Im Gegenteil, sie sind schon bei kleinen Kindern im Alter von 9 oder 10 Jahren gut belegt. Warum wissen wir das?

Dank Forschern wie Eleni Andreou. Vor einigen Jahren untersuchte Andreou 186 Grundschulkinder in Griechenland. Sie stellte den Kindern eine Reihe von Fragen zur menschlichen Natur und dazu, ob es zulässig ist, andere zu manipulieren, um zu bekommen, was man will.

Sie fragte die Kinder z. B., wie sehr sie den Aussagen über die innewohnende gute Natur des Menschen zustimmen oder nicht zustimmen würden. Beispiele:

  • „Die meisten Menschen sind anständig und freundlich.“
  • „Erfolgreiche Menschen sind meistens ehrlich und anständig.“

Sie bat die Kinder auch, ihre Zustimmung zu Aussagen über die Zulässigkeit der Manipulation anderer Menschen zu bewerten:

  • „Manchmal muss man andere Menschen verletzen, um sein Ziel zu erreichen.“
  • „Manchmal muss man ein bisschen schummeln, um zu bekommen, was man will.“

Welche Antworten gaben die Kinder?

Es hing – teilweise – davon ab, wie sehr ein Kind dazu tendierte, andere zu mobben.

Mobbende Kinder stimmten seltener mit positiven Aussagen über die menschliche Natur überein.

Und es ist wahrscheinlicher, dass sie es für richtig halten, andere zu verletzen oder auf andere Weise zu manipulieren.

Weitere Studien – in Schottland, Chile und hier in Deutschland – haben dasselbe Phänomen festgestellt. Nicht jedes Kind, das machiavellistische Überzeugungen vertritt, ist ein Mobber, aber bei Mobbern ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie diese Überzeugungen vertreten.

Was kann man tun?

Es ist keine neue Erkenntnis, dass Mobbern das Mitgefühl fehlt oder dass sie ihre Gräueltaten schön reden. Diese Studie zeigt uns jedoch noch etwas weiteres: Kinder zeigen diese Tendenzen bereits im Grundschulalter.

Das ist natürlich beunruhigend. Doch es ist kein Grund aufzugeben. Die Forschung zeigt, dass wir Kindern helfen können, Einfühlungsvermögen zu erlernen.

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/bucher-schule-kinder-traurig-7929379/

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