Erkennen Babys, wenn ihre Eltern streiten, oder verstehen sie das gar nicht? Studien deuten darauf hin, dass Babys tatsächlich von Auseinandersetzungen der Eltern betroffen sind. Zudem können regelmäßige Konflikte die Entwicklung des Gehirns beeinflussen.

Studien bestätigen, dass Babys erkennen können, wenn ihre Mutter gestresst ist und dass dieser Stress auch ansteckend ist. Untersuchungen zeigen auch, dass 6 Monate alte Säuglinge in Stresssituationen körperlich stärker reagieren, wenn sie wütende Gesichter sehen. Es ist also anzunehmen, dass Babys erkennen können, wenn ihre Eltern in einen heftigen Streit geraten. Nein, das geht nicht über sie hinweg. Ganz im Gegenteil. Sie spüren unseren Stress.

Auswirkungen auf das Nervensystem

Es ist oft schwierig zu erkennen, was in einem Säugling vor sich geht. Sie können uns nicht mit Worten sagen, was in ihnen vorgeht und sie geben uns keine leicht ablesbaren Signale. Zum Beispiel kann ein Baby unter körperlichem Stress stehen und relativ ruhig bleiben.

Neben der Beobachtung von bestimmten Verhaltensmerkmalen verwenden Forschende daher auch physiologische Messungen.

Eine gängige Methode besteht darin, eine Elektrode auf der Brust des Babys anzubringen, welche die leichten Schwankungen der Herzfrequenz beim Atmen misst. Diese Schwankungen werden als respiratorische Sinusarrhythmie (RSA) bezeichnet und bieten uns einen Einblick in das parasympathische Nervensystem des Babys – das System, mit dem wir uns entspannen und von Stress erholen.

Was sagen uns die Studien über RSA? Leider bestätigen sie unsere Befürchtungen. Babys, die viele Konflikte innerhalb der Familie erlebt haben, zeigen RSA-Muster, die typisch für Menschen mit Stresserkrankungen und seelischen Problemen sind. Ihr parasympathisches Nervensystem scheint größere Schwierigkeiten zu haben, sich zu beruhigen, woraus sich später sowohl Verhaltensstörungen als auch emotionale und gesundheitliche Probleme entwickeln können.

Und dann ist da noch das Ergebnis von Gehirnscan-Studien. Kann der Stress, den Elternkonflikte mit sich bringen, die Entwicklung des Gehirns von Kleinkindern verändern? Es scheint wahrscheinlich. Hier sind die Details.

Auswirkungen auf das Gehirn

Alice Graham und ihre Kolleg:innen wollten wissen, ob die Gehirne von Babys unterschiedlich auf emotionale Anregungen reagieren, je nachdem, wie sehr sich ihre Eltern streiten.

Also rekrutierte das Team 20 Paare mit Babys im Alter von 6 bis 12 Monaten und bat die Mütter einzuschätzen, wie oft und wie intensiv sie mit ihren Partnern stritten. Dann untersuchten die Forschenden die Gehirne der Babys mit der funktionellen Magnetresonanztomographie ( fMRT).

Es ist wichtig, dass sich die Babys während der fMRT-Untersuchung so wenig wie möglich bewegen, deshalb wurden sie im Schlaf untersucht. Während des Scans – während die Babys schliefen – hörten sie verschiedene Tonaufnahmen.

Auf jeder Aufnahme hörten sie die Stimme eines Mannes, der eine Reihe von unsinnigen Wörtern sprach. Aber der emotionale Unterton des Mannes variierte von einer Aufnahme zur nächsten. Manchmal klang er glücklich. In anderen Fällen klang er leicht verärgert. Oder sogar sehr wütend. Oder gefühlsneutral.

Wie reagierten die Gehirne der Babys auf diese Stimmen? Wie zu erwarten, hing es von der jeweiligen Gefühlslage ab, die ausgedrückt wurde. Die fröhliche Stimme zum Beispiel regte die Aktivität in anderen Bereichen des Gehirns an, als die wütende Stimme. Und das galt für alle Babys, unabhängig davon, wie viele Konflikte ihre Eltern hatten.

Doch als die Forschenden die sehr wütende Stimme mit der neutralen Stimme verglichen, entdeckten sie ein aufschlussreiches Muster. Je mehr Konflikte im Elternhaus auftraten, desto stärker reagierte das Gehirn des Babys auf die sehr wütende Stimme.

Bei Babys aus Haushalten mit vielen Konflikten stieg die Aktivität im rostralen Frontalkortex, einer Gehirnregion, die mit der Verarbeitung von Emotionen in Verbindung gebracht wird und die bei Menschen mit Belastungsstörungen häufig verändert ist, deutlich an. Auch in primitiveren Teilen des Gehirns, einschließlich des Hypothalamus, einer Struktur, die die Stressreaktion kontrolliert und steuert, war die Aktivität erhöht.

Die Gehirne der Babys aus konfliktreichen Familien waren also tatsächlich anders. Sie reagierten besonders stark auf wütende Stimmen – in Gehirnregionen, die Stress und Emotionen verarbeiten.

Kommunikation verschiedener Gehirnregionen

Könnte es sein, dass solche Babys auch Abweichungen in der Art und Weise haben, wie verschiedene Gehirnregionen miteinander kommunizieren?

Das ist eine wichtige Frage, denn wir wissen, dass Menschen, die unter psychischen Problemen leiden, oft untypische Vernetzungsmuster im Gehirn aufweisen.

Es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass Jugendliche, bei denen eine schwere Depression festgestellt wurde, eine stärkere Vernetzung zwischen dem hinteren cingulären Kortex (PCC) und dem vorderen medialen präfrontalen Kortex aufweisen – zwei Kernregionen des sogenannten „Default Mode Network“ des Gehirns.

In einer zweiten Studie suchten die Forschenden nach diesem Muster – und fanden es: Babys aus konfliktreichen Elternhäusern wiesen eine höhere Vernetzung zwischen denselben Hirnregionen auf. Und eine höhere Konnektivität wiederum sagte ein höheres Maß an emotionaler Negativität bei Säuglingen voraus.

Passend zu diesem Thema untersuchten Caroline Kelsey und ihre Kolleg:innen kürzlich die Gehirnaktivitäten von 75 Säuglingen im Alter von unter 4 Wochen. Bei diesen Säuglingen war eine stärkere Vernetzung des Default-Mode-Netzwerks mit einer schlechteren emotionalen Regulierung und einer geringeren Beruhigungsfähigkeit des Kindes verbunden.

Die Ergebnisse sind besorgniserregend, vor allem wenn man bedenkt, was wir über Stress in der frühen Kindheit im Allgemeinen wissen. Er setzt Kinder einem höheren Risiko aus, emotionale Probleme und stressbedingte Krankheiten zu entwickeln. Vielleicht bieten diese Studien einen Hinweis darauf, wo alles seinen Ursprung hat. Aber können wir daraus schließen, dass diese Veränderungen im Gehirn dadurch verursacht werden, dass man zu Hause einen heftigen Streit mit anhört? Möglicherweise ist etwas anderes daran schuld.

Weitere mögliche Ursachen

Die Forschenden haben einige andere Möglichkeiten in Betracht gezogen. In der zweiten Studie kontrollierten sie zum Beispiel die Auswirkungen von Stress in der Schwangerschaft, der an sich schon einen großen Einfluss auf die Gehirnentwicklung haben kann. Außerdem überprüften die Forschenden den Familienhintergrund der Teilnehmer:innen und fanden keine Hinweise auf körperliche Übergriffe in der Vergangenheit.

Allerdings haben die Forscherinnen und Forscher keine genetischen Faktoren berücksichtigt, die zweifellos auch eine Rolle spielen. Es handelt sich zudem nur um zwei kleine Studien. Diese müssen noch überprüft werden.

Trotzdem denke ich, dass wir guten Grund zu der Annahme haben, dass häufige Konflikte zwischen den Eltern die Entwicklung des Gehirns von Babys beeinflussen können. Umfassende Experimente an Nagetieren – bei denen die Genetik berücksichtigt wurde – zeigen, dass soziale Stressfaktoren das Gehirn und das System zur Stressbewältigung eines Säuglings verändern können.

Die fMRT-Studien zeigen, dass die Gehirne einiger Babys besonders empfindlich auf den Tonfall des Zorns reagieren. Auch wenn diese besondere Empfindlichkeit durch etwas anderes verursacht wird, müssen wir damit rechnen, dass familiäre Konflikte bei diesen Säuglingen übermäßige Stressreaktionen auslösen.

Aus einer praktischen Sicht ist die Schlussfolgerung dieselbe: Wir müssen Babys davor schützen, dass sie lautstarke Auseinandersetzungen und Streitereien mitbekommen.

Was kannst du tun?

Diese Studie sollte ein Weckruf für Eltern sein – keine Botschaft der Aussichtslosigkeit für Familien, die in der Vergangenheit Konflikte hatten.

Wenn dein Baby stressigen Umständen ausgesetzt war – vor oder nach der Geburt – solltest du nicht das Gefühl haben, dass dein Baby unheilbar geschädigt ist. Weit gefehlt. Babys sind oft sehr widerstandsfähig – wenn sie die richtige Unterstützung bekommen.

Studien belegen zum Beispiel, dass häufige, zärtliche Berührungen die Auswirkungen von vorgeburtlichem Stress bei jungen Säuglingen rückgängig machen können. Auch nach der Geburt kann sie helfen, dem Stress entgegenzuwirken.

Zudem scheint eine liebevolle, einfühlsame und zugewandte Erziehung Kinder vor den negativen Auswirkungen des Heranwachsens in einem stressigen Umfeld bewahrt. Babys mit hochgradig reaktivem Verhalten haben das Potenzial, sich zu sehr ausgeglichenen Kindern zu entwickeln – vorausgesetzt, ihre Eltern sind geduldig, einfühlsam und emotional zugänglich.

Bildquelle: https://www.freepik.com/free-photo/indoor-short-arguing-couple-sitting-floor-kitchen-wife-screaming-loudly-husband-covering-ears-with-palms-family-posing-with-infant-baby-rocking-chair_17860030.htm

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