Oft wird behauptet, dass Videospiele negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Spieler/innen haben können, vor allem wenn das Spielen übertrieben oder zwanghaft wird. Doch Videospiele werden auch mit positiven Nebenwirkungen in Verbindung gebracht, z. B. mit einer verbesserten visuellen Aufmerksamkeit. Manche Leute haben sich auch schon gefragt, ob es möglich ist, dass bestimmte Spiele soziale Kompetenzen fördern, wie z. B. die Bereitschaft zu kooperieren, Mitgefühl zu zeigen oder Hilfe anzubieten? Können Videospiele die sozialen Kompetenzen stärken? Es gibt Grund zu dieser Annahme.

Betrachten wir zunächst die Beweismaterialien. Wenn Forscherinnen und Forscher Menschen nach ihren Spielgewohnheiten befragen, finden sie in der Regel das gleiche Muster. Personen, die mehr Zeit mit dem Spielen sozialer Videospiele verbringen, neigen dazu, sich auch im Alltag sozialer zu verhalten.

So befragten Douglas Gentile und seine Kolleg/innen 2009 727 Schüler/innen der Mittelstufe aus Singapur. Sie baten diese Jugendlichen,

  • ihre ihre drei Lieblingsvideospiele zu nennen,
  • zu schätzen, wie lange sie jedes Spiel spielten, und
  • zu bewerten, wie oft sich die Spieler/innen in den Spielen gegenseitig helfen oder verletzen.

Zudem fragten sie die Kinder, ob sie einer Reihe von Aussagen über soziales Verhalten zustimmten oder nicht (z. B.: “ Es macht mich glücklich, wenn ich etwas mit anderen teile“ und “ Generell ist es in Ordnung, andere zu schlagen“). Sie stellten den Kindern auch eine Reihe von fiktiven Szenarien vor und baten sie, die Absichten der abgebildeten Personen zu deuten.

Was passierte? Diejenigen, die mehr Zeit mit sozialen Videospielen verbrachten, gaben mit größerer Wahrscheinlichkeit an, dass sie sich auch im Alltag sozial verhalten. Und diese Kinder schrieben anderen seltener feindselige Absichten zu.

In einer weiteren Studie befragte Gentiles Team mehr als 1800 Kinder in Japan – Schüler/innen der fünften, achten und elften Klasse. Sie befragten die Kinder, wie viel Zeit sie mit dem Spielen sozialer Videospiele verbrachten. 3 bis 4 Monate später befragten sie dieselben Kinder dann zu ihren sozialen Gewohnheiten. Auch hier zeigte sich ein klarer Zusammenhang zwischen dem Spielen sozialer Videospiele und dem freundlichen Auftreten im Alltag.

Diese Ergebnisse legen nahe, dass soziale Spiele positive Veränderungen bewirken. Doch ohne sorgfältige Experimente ist es unmöglich, die Ursache genau zu bestimmen. Es könnte beispielsweise einfach so sein, dass sich Kinder für soziale Spiele entscheiden, weil sie ohnehin zu freundlichem, kooperativem Verhalten neigen. Was sagen uns also die Experimente?

Experimentelle Beweise dafür, dass wir durch Spielen prosoziales Verhalten fördern können

Stell dir vor, du hättest eine Gruppe von Freiwilligen und würdest einige von ihnen nach dem Zufallsprinzip ein prosoziales Videospiel spielen lassen. Die anderen sollten ein gewalttätiges oder ein neutrales Videospiel spielen.

Nach einer bestimmten Spielzeit stellst du deine Spieler/innen auf die Probe – und gibst ihnen die Möglichkeit, jemandem zu helfen. Reagieren Leute je nach ihren jüngsten Spielerlebnissen unterschiedlich? Werden prosoziale Spieler/innen eher zu Helfern? Wenn ja, gibt es experimentelle Beweise dafür, dass Videospiele das soziale Verhalten verbessern können? Zumindest zeitweise?

Douglas Gentile und seine Kolleg/innen haben diesen Ansatz an Schüler/innen getestet, und die Ergebnisse stimmten mit der Vorstellung überein, dass nettes Spielen zu nettem Verhalten führt. Diejenigen, die ein soziales Spiel spielten, verhielten sich bei einer anschließenden Aufgabe wohlwollender gegenüber anderen.

Gilt das vielleicht auch für Kinder? Für diese Annahme gibt es gute Gründe. Im Jahr 2012 führte Muniba Saleem ein ähnliches Experiment mit Kindern zwischen 9 und 14 Jahren durch und auch hier fanden die Forscher/innen Beweise für einen prosozialen Schub. Vor kurzem haben Anat Shoshani und ihre Kolleg/innen kleinen Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren eine Reihe von Touchscreen-Spielen auf einem Tablet angeboten. Im Vergleich zu Kindern, die gewalttätige oder neutrale Spiele spielten, zeigten die Kinder, die nach dem Zufallsprinzip soziale Spiele spielten, anschließend ein „höheres Maß an hilfsbereitem Verhalten“ gegenüber einem Erwachsenen.

Wie sieht es mit dem Erkennen von Emotionen anderer aus? Helfen Videospiele Kindern, ihre Empathiefähigkeit zu verbessern?

Womöglich, doch das wissen wir noch nicht sicher. Vor ein paar Jahren testeten Tammi Kral und ihre Kolleg/innen ein im Labor entwickeltes Videospiel, bei dem die Spieler/innen die Mimik verschiedener Figuren erkennen mussten. Die Forscher/innen wollten herausfinden, ob das Spiel das Einfühlungsvermögen von Jugendlichen verbessert. Also wählten sie nach dem Zufallsprinzip Kinder im Alter von 11 bis 14 Jahren aus, die entweder dieses „Empathie“-Spiel oder ein ähnliches Spiel spielen sollten, bei dem der Aspekt des Erkennens von Gesichtsausdrücken fehlte.

Nach zwei Wochen suchten die Forscher/innen nach Anzeichen dafür, dass Kinder in der „Empathie“ Gruppe Gefühle besser interpretieren konnten. Sie wurden nicht fündig. Doch Gehirnscans zeigten jedoch einen Unterschied: Kinder in der “ Empathie“ -Gruppe wiesen eine höhere Konnektivität in empathiebezogenen Schaltkreisen des Gehirns auf. Das ist interessant, jedoch reicht es nicht aus um die Schlussfolgerung zu treffen, dass Videospiele Empathie fördern.

Können Videospiele die sozialen Kompetenzen von Kindern auf dem Autismus-Spektrum verbessern?

Auch hier ist die Beweislage beschränkt, aber es gibt Anhaltspunkte. In einer Studie mit 70 Kindern auf dem Autismus-Spektrum (im Alter von 7 bis 12 Jahren) wurde die Hälfte der Kinder nach dem Zufallsprinzip zum Spielen von „Secret Agent Society“ eingeteilt, einem Computerspiel, das eine Reihe sozialer Kompetenzen vermitteln soll, darunter das Erkennen von Emotionen und die Fähigkeit, ein Gespräch zu beginnen und zu führen. Die übrigen Kinder wurden in eine Kontrollgruppe eingeteilt. Sie spielten Videospiele, die ihnen helfen sollten, sich in verschiedenen Schulfächern wie Geografie und Geschichte zu verbessern.

Es ist unklar, wie viel Zeit die Kinder mit diesen Videospielen verbrachten, doch sie spielten mehrmals über einen Zeitraum von 10 Wochen. Am Ende dieses Zeitraums baten die Forscher/innen die Eltern, die sozialen Kompetenzen ihrer Kinder zu bewerten. Die Ergebnisse? Die Kinder, die das Videospiel mit den sozialen Kompetenzen spielten, verbesserten sich laut den Berichten der Eltern stärker.

Das ist kein besonders überzeugender Beweis, denn die Eltern in dieser Studie wussten, dass ihre Kinder ihre sozialen Kompetenzen verbessern sollten. Das könnte ihre Bewertung verfälscht haben. Zudem wurden die Eltern dazu angehalten, „den Kindern dabei zu helfen, die im Computerspiel (Secret Agent Society) vermittelten Fähigkeiten im täglichen Leben umzusetzen“. Die Kinder taten also mehr als nur zu spielen. Wir wissen nicht, wie viel von dem beobachteten Effekt auf das Spiel zurückzuführen ist und wie viel auf die Trainingseinheiten in der Familie.

Was ist die Schlussfolgerung?

Es gibt mehrere Hinweise dafür, dass das Spielen sozialer Spiele erstens mit sozialem Verhalten einhergeht und zweitens dass das Spielen sozialer Videospiele Erwachsene und Kinder gleichermaßen in einen freundlicheren Zustand versetzt – ein Zustand, der uns eher dazu bringt, uns hilfreich oder freundlich zu verhalten.

Unklar ist, wie lange der Effekt anhält. Vielleicht hält er nur für eine kurze Zeit direkt nach dem Spiel an. Aber selbst wenn dies der Fall ist und das Gefühl bereits nach 20 Minuten abklingen sollte gibt es immer noch das Potenzial für dauerhafte Vorteile. Jedes Mal, wenn ein Kind eine gute, soziale Begegnung mit einer anderen Person hat, lernt es, was es bedeutet, freundlich, hilfsbereit oder kooperativ zu sein. Diese Erfahrung ist gefühlsmäßig belohnend und hilft Kindern, sich mit anderen stärker verbunden zu fühlen. Wenn also das Spielen sozialer Spiele diese Chancen erhöht, ist das erfreulich. Es könnte den Kindern einen Anstoß geben, bessere soziale Kompetenzen zu entwickeln.

Fördern Spiele die Empathie? Können Videospiele die sozialen Kompetenzen von Kindern auf dem autistischen Spektrum verbessern? Es scheint plausibel, dass speziell entwickelte Videospiele diese Wirkungen haben könnten. Bisher sind die Beweise jedoch nur andeutend. Um diese Fragen zu beantworten, würden wir mehr Forschung benötigen.

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/arbeiten-sitzung-schule-kinder-5621935/

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